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Rückblick: Betriebsbesichtigung bei WMF in Geislingen

Kalt war's an diesem Donnerstag, aber immerhin nicht so eisig wie die Tage zuvor. Und wir waren ja sehr oft in Räumen.
Vom Bahnhof aus waren wir in wenigen Minuten bei WMF Geislingen. Herr Neuschl, ein ehemaliger Betriebsangehöriger führte uns und zeigte zuerst außen die verschiedenen Gebäude.
 
1853 war Gründung der Metallwarenfabrik „Straub & Schweizer“ für versilbertes Geschirr und Besteck in Geislingen. 1927 gab es den ersten Dampfkochtopf. 1986-2006 schlossen sich mehrere Hersteller (HEPP, Silit, Kaiser und Schaerer) zur WMF-Gruppe zusammen und seit Ende 2016 gehört WMF zum französischen Konzern "Groupe SEB". Von der gesamten Produktpalette werden in Geislingen Kochgeschirr und Gastro-Kaffeemaschinen der Marke WMF, in Hayingen Messer der Marke WMF produziert. In Dornstadt befindet sich das Lager und Logistikzentrum. Ein weiteres Werk ist in Riedlingen. Von den ausländischen Standorten sei Tschechien und China erwähnt.

Ehe wir uns die Fertigung der Kochtöpfe anschauen, führt uns Herr Neuschl zur Paradiestür. Was hat sie mit Geislingen zu tun?
In der ersten Hälfte des 15.Jh. schuf Lorenzo Ghiberti ein vier mal sechs Meter hohes Portal für das Baptisterium in Florenz, das in zwei mal fünf Reliefkassetten Motive aus dem Alten Testament zeigt. 1911 erteilte das Stettiner Stadtmuseum der "Galvanoplastische Kunstanstalt" von WMF den Auftrag, von der Paradiestür eine Kopie anzufertigen. Bald brach jedoch der Erste Weltkrieg aus, das Stettiner Museum konnte die Paradiestür nie bezahlen. 1928 holte die WMF ihr Werk zurück. Seit Mitte der 50er Jahre kann nun jeder Interessierte in einem separaten Ausstellungsraum beim WMF-Haupteingang die Paradiestür-Kopie besichtigen.


In diesem Zusammenhang sei auch das Reiterstandbild Kaiser Wilhelm I. erwähnt , 1894 als Stiftung der WMF vor der Stadtkirche aufgestellt, galvanoplastisch veredelt - allerdings war es dann doch nicht so witterungsbeständig wie gewünscht und musste nach ca. 90 Jahren doch in Bronze gegossen werden.

Doch nun werden wir eingekleidet in grüne Sicherheitswesten, versehen mit Kopfhören, die gleichzeitig auch als Hörschutz dienen und bekommen auch noch Schutzkappen für die Schuhe.
 

Dann ging es in die Presserei. Hier wurden wir gleich mit einem kleinen Arbeitsunfall konfrontiert und mussten ein wenig warten. Die Roboter liefen aber dennoch, der Lärm war groß.

Wie wird nun ein Schnellkochtopf, so wird der von WMF genannt, ein Sicomatic (sicher cochen automatisch)stammt von SILIT - wie wird der nun hergestellt. Zuerst ist da eine Kreisscheibe, die kommt in ein Wasserbad, von oben drückt ein Stempel und formt den Topf. Dann kommt diese Form in eine Bodenaufbauanlage. Diese Anlage ist ziemlich neu und hat einen Anschaffungswert von 4,5 Mill. €. Ein Roboter schnappt den Topf, zwischen Boden und Topf kommt Alu, der Boden besteht aus magnetischem Chromnickelstahl (für Induktionsherde). All das wird fest verbunden durch hohen Druck und Hitze. Anschließend werden die Töpfe mit Robotern zur Fertigungshalle gebracht. Auch hier arbeitet ein Roboter. Er holt sich nacheinander 6 Töpfe, legt sie auf eine Palette, bringt zum Schutz eine Pappe auf jeden Topf. Danach geht es zur Schleifanlage Hier gibt es 3 "Straßen" mit je 11 Kammern in denen die Töpfe von innen und außen mit immer feinerem Schleifmaterial geschliffen werden. Anschließend werden die Töpfe in einem Fahrstuhl nach oben befördert und gelangen auf einem Band zur Waschmaschine.

Die Deckel werden in einer anderen Anlage hergestellt. Während bei den Töpfen fast ausschließlich Roboter zum Einsatz kommen, ist hier auch Handarbeit gefragt. So werden die 43 Teile des Deckelgriffs manuell zusammengesetzt, ebenso werden die Griffe von Hand an die Deckel gesetzt und schließlich wird auch manuell verpackt. Herr Neuschel versäumte nicht, uns die drei Sicherheitsventile beim Dampfkochtopf zu zeigen.

Immer wieder stehen Behälter bereit, der Rohstoff ist kostbar, deshalb wird der Abfall gesammelt und wieder verwertet.

Das war eine hoch interessante Führung und wir waren uns einig, dass wir unsere Kochtöpfe nun ganz anders anschauen werden. Natürlich durfte im Werk nicht fotografiert werden.

Es war kurz nach 11 Uhr. Wer wollte, konnte gleich zum Essen ins Bistro oder zum Shoppen oder auch bloß gucken in den verschiedenen Outletläden. Was gibt es alles hier? Da ist Lindt vertreten, Beukelaer, ein Gummibärenland gibt es, Trigema, gardena, KAHLA, Ravensburger, Betty Barclay ... und natürlich die Fischhalle, in der man WMF-Waren mit geringsten Mängeln kaufen kann. Woher kommt eigentlich der Name Fischhalle? Hier wurde tatsächlich in den Anfängen an die Mitarbeiter Fisch zum Selbstkostenpreis verkauft, die Gehälter waren ja nicht gerad hoch.

Das Tagesprogramm ging weiter. Pünktlich 14.30 standen alle Frauen zu einem kleinen Altstadtbummel bereit. Zwischen "Altem Bau" und "Kornschreiberhaus" blieben wir zur näheren Betrachtung stehen, da kam ein Einheimischer und fing an zu erkläre-, auch gut. Er wusste, dass fast alle alten Häuser in Geislingen versetzt werden mussten, da die Straßen für den aufkommenden Autoverkehr in der Regel nicht breit genug waren.
 
 
Weiter ging es zum Schubarthaus. Hier wohnte Christian Daniel Friedrich Schubart. Er war Knabenschulmeisters, Musiklehrers, Musikdirektors für die Stadt- und Kirchenmusik, versah eine halbe Organistenstelle an der Stadtkirche und hielt gelegentlich sogar Predigten. Nach vier Jahren wurde er von Karl Eugen nach Ludwigsburg berufen, wurde aber bald des Landes verwiesen wegen revolutionärer Umtriebe und Weibergeschichten. So kam er nach Heilbronn, Mannheim, Schwetzingen, München und Augsburg und wurde überall als hervorragender Klavier- und Orgelspieler gefeiert. Wieder musste er fliehen und kam nach Ulm wurde aber Blaubeuren gefasst und landete 1777 für 10 Jahre im Landesgefängnis auf dem Hohen Asperg. Hier dichtete er sein Lied von der "Forelle", vertonte es auch. Doch die uns geläufige Melodie hat eine Generation später Franz Schubert komponiert. 1791 ist er dann gestorben.

 
Gleich hinter dem Schubarthaus steht das Stadtschloss der Helfensteiner, was Anlass gab, etwas aus der Geschichte von Geislingen zu erfahren. Um 1200 gründeten die Helfensteiner "Giselingen". 1396 waren aber die Grafen von Helfenstein so hoch verschuldet, dass sie den größten Teil ihrer Herrschaft einschließlich Geislingen an Ulm verkaufen mussten. 1803 kam Ulm und damit auch Geislingen zu Bayern und wurde 1810 wieder im Tauschverfahren württembergisch, und Geislingen erlangte auch wieder seine Eigenständigkeit.

Weiter geht es die Hauptstraße entlang bis zum Forellenbrunnen von Prof. Gernot Rumpf neben dem Alten Rathaus. Die Elefanten am Brunnen weisen auf das helfensteinische Wappen hin und die Forellen auf Schubarts Gedicht. Lustig sind die Fischplastiken, die Geislinger Bürger verkörpern. Der Brunnen war allerdings mit Winterschutz versehen, so dass man nur einen Teil sehen konnte. Ebenso war das Alte Rathaus verhüllt und auch gegenüber wurde eines der vielen alten Fachwerkhäuser restauriert.


Dann war es nicht mehr weit bis zur Stadtkirche. Ehe wir uns der Kirche zuwenden, ein paar Worte zur "Klause", dem Gebäude neben der Kirche. Sie beherbergte früher ein Klösterlein der Franziskanerinnen und ist heute Pfarrhaus II. Ebenfalls auf dem Kirchplatz steht das Schubartschulhaus. Und natürlich schauten wir auch nach dem Reiterstandbild Kaiser Wilhems I.
 

Die Kirche selbst ist ein schlichter Bau ohne Zierrat im Mauerwerk, wurde sie doch aus Tuffstein aus dem nahen einstigen Steinbruch, der heute Stadtpark ist. Tuffstein ist sehr porös, er lässt sich schlecht bearbeiten ist aber äußerst haltbar.

Doch wollen wir ja in der Hauptsache die Kirche von innen sehen. Sie birgt wahre Kunstschätze. Dazu muss gesagt werden, dass der Bau von der Stadt Ulm veranlasst wurde, sie beauftragte auch ihren Münsterbaumeister Hans Kun - Schwiegersohn von von Ulrich von Ensingen mit der Bauleitung.

Auch die weiteren Kunstschätze haben mit Ulm zu tun. Da ist der Sebastiansaltar von Daniel Mauch, der zur Ulmer Schule zuzurechnen ist und das Chorgestühl aus der Werkstatt Jörg Syrlins.d.J., dessen Vater Jörg Syrlind d.Ä. für das Ulmer Chorgestühl verantwortlich zeichnet.

Der Mauchaltar zeigt eine Maria auf der Mondsichel, rechts neben ihr steht Maria Magdalena mit dem Salbengefäß und links Mauritius mit dem Kommandostab. Auf den Seitenflügeln ist links Rochus und rechts Elisabeth von Thüringen zu sehen. Und hoch oben im Gespränge steht Sebastian, von Pfeilen durchbohrt. Die Mesnerin ließ uns auch noch einen Blick in die schaurige Predella mit dem Fegefeuer der Verdammten werfen, nur Männer sind hier zu sehen!
 

Sehr eindrucksvoll sind auch die Männerbüsten des Chorgestühls, jede eine Persönlichkeit. Man sagt, dass drei verschiedene Schnitzer diese Büsten geschaffen haben.
 

Im Zuge der Renovierung 1975/76 wurde die Stadtkirche durch drei neue Chorfenster bereichert, entworfen von dem Glasmaler Hans Gottfried von Stockhausen, den wir ja schon im Ulmer Münster kennengelernt haben. Die drei Fenster sind thematisch gegliedert. Das linke Fenster zeigt in gut lesbarer Weise die Schöpfungsgeschichte in drei mal sieben Einzelscheiben. In der Mitte sind Bilder zur "Erlösung" des Menschen gezeigt und im rechten Fenster Geschichten aus dem Alten und Neuen Testament.
 

Viele Eindrücke nehmen wir nach Hause mit - die hochmoderne Kochtopf-Fertigungsanlage in der WMF, die unerwartet hübsche Altstadt von Geislingen und die Kunstschätze der Geislinger Kirche. Der Weg zum Bahnhof war nicht weit. Es war wieder kälter geworden, so warteten wir in der warmen Bahnhofshalle auf unseren Zug.

Heide Urban
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